Ängste und soziale Isolation: eine ganz prekäre Mischung!

Was tun Menschen, wenn sie unter Druck geraten? Sie sprechen mit anderen Menschen.

Wozu? Um genauer herauszufinden, wie es ihnen selbst geht, um sich zu erleichtern, um Hilfen zu bekommen. Was heißt das etwas genauer?

  1. Um ihre Gedanken in Worte zu fassen, um sie zu schärfen, um diese sich selbst vor Augen zu führen und um sie zu überprüfen.
  2. Um sich mehr Klarheit über die eigenen Gefühle zu verschaffen: Indem man die eigenen Gefühle formuliert, bekommt man sie auch selbst besser zu fassen, versteht besser, was man wirklich fühlt, statt nur eine allgemeine Aufregung und Beunruhigung in sich festzustellen (arousal).
  3. Indem man über Gefühle spricht, kann man diese auch ein Stück abarbeiten und beruhigen. Gefühle zum Ausdruck zu bringen, stellt bereits ein erstes Ventil für die eigenen Emotionen dar, reduziert die mit den Gefühlen einhergehende (An-)Spannung.
  4. Sorgen zu teilen, hilft, indem man Anteilnahme und Trost findet, indem man sich mit dem eigenen Zustand nicht allein oder verkehrt fühlt, man sich angenommen erleben kann.
  5. Weitergehend bekommt man vielleicht Tipps , wie man mit konkreten Dingen umgehen kann, wie man sich mit starken Gefühlen wieder selbst auffangen und beruhigen kann.
  6. Schließlich kann der soziale Kontakt Orientierung bieten und sogar konkrete Unterstützung und Hilfe bedeuten.

Angst ist ein starkes Gefühl, das uns sehr unter Druck setzt, und das psychisch wie körperlich sehr beeinträchtigend und gesundheitlich schnell bedrohlich werden kann.

Angst entsteht, wie in der jetzigen Corona-Krise, gerne dann, wenn man sich einer Situation ausgesetzt erlebt, die man nicht versteht, die man in ihren Konsequenzen nicht gut überblicken kann, der man nicht ausweichen und sich in Sicherheit bringen kann, auf die man nicht oder nur sehr bedingt einwirken kann und deren Inhalt potentiell bedrohlich ist, hier z.B. gesundheitlich und/ oder finanziell.

Wir leben mit Corona also in einer grundsätzlich Angst auslösenden Situation, gleichzeitig sollen wir uns in eine relativ große Isolation zurückziehen, um Ansteckungen zu vermeiden und die Ansteckungswelle der Gesamtbevölkerung zu verlangsamen.

Das bedeutet aber gleichzeitig, dass wir all das, was wir in sozialen Beziehungen suchen und brauchen, also sich selbst zu verstehen und sich selbst besser auffangen und regulieren zu können, jetzt nur reduziert und unter erschwerten Bedingungen leben können.

Der Druck/ die Angst ist also erhöht, die normalen menschlichen Methoden, sich zu erleichtern und sich wieder wohler und sicherer fühlen zu können, sind gleichzeitig reduziert.

Das führt innerpsychisch bei jedem einzelnen von uns zu erhöhtem Druck , Spannungszuständen bis hin zu Schlafstörungen, die dann wiederum gereizter machen und die individuellen Kompetenzen, Gefühle zu regulieren, weiter reduzieren.

Die heutigen, Medien vermittelten Formen der Kommunikation, sorgen hier durchaus für eine gewisse Abhilfe; viele Menschen berichten aber, dass dies nicht so hilfreich ist, wie ein unmittelbarer, persönlicher Kontakt zu anderen Menschen und eben nicht ausreicht.

Gleichzeitig sitzen Menschen in Familien und WGs mehr denn je auf engem Raum zusammen, so dass sich hier Spannungen auch zwischenmenschlich aufbauen und zunehmend eruptiv entladen. Zwar mag ein solches „Gewitter“ ein wenig den Druck reduzieren, aber das Gesamtsystem einer Familie oder Gruppe kann dadurch dennoch eher mehr unter Druck geraten, weil die Entladung des einen das steigert, was das Gegenüber aushalten und verdauen muss. Diese Konflikte oder Ausbrüche fackeln also schon etwas ab beim einzelnen, bieten aber für das Miteinander keine nachhaltige Entlastung.

Eine Hilfe im Sinne eines Rezepts, wie man mit diesen gegenläufigen, sich ungünstig ergänzenden Tendenzen umgehen könnte, um die negativen Konsequenzen zu vermeiden oder klein zu halten, gibt es nicht, auch wenn viele tolle Ratschläge dazu im Netz kursieren. Überhaupt ist es meistens so, dass simple Ratschläge und Tipps bestenfalls kurzfristig einen Nutzen haben, und wenn er nur darin liegt, dass man glaubt man habe jetzt wieder Kontrolle und Einfluss zurückgewonnen.

Es hilft aber dennoch ein wenig, um der ein oder anderen Situation die Spitze zu brechen und das Ausmaß erträglicher und sozial verträglicher zu halten, wenn man sich über die Zusammenhänge im Klaren ist und sich nicht unvorbereitet mit starken eigenen Gefühlen oder schwer verdaulichen Verhaltensweisen anderer konfrontiert sieht.

Es gibt selten Patentrezepte, wenn es um Gefühle und konflikthaftes menschliches Miteinander geht. Man muss sich meist durch konkrete Alltagssitautionen durchbeißen und einen jeweils möglichst sinnvollen Weg finden bzw. herstellen. Um neue Methoden entdecken zu können und um sich neue Verhaltensweisen trauen zu können, ist es hilfreich, die jeweilige Situation bzw. den Gesamtzusammenhang besser zu verstehen, weil man dadurch klarer einschätzen kann, womit man es zu tun hat. Je deutlicher ich z.B. sehen kann, dass ein bestimmtes, überschießendes Verhalten mir gegenüber gerade gar nicht aus der aktuellen Situation stammt, sondern sich aus einem aufgestauten Pulverfass aus der allgemeinen Lebenssituation der letzten Tagen und Wochen speist, desto eher mag es einem gelingen, eine Gewisse Toleranz und Gelassenheit zu wahren. Wenn es denn gut geht 😉