Sich an Regeln halten – oder lieber nicht?

Wir denken derzeit, dass alle Corona-müde sind, dass man der Regeln überdrüssig ist, dass die Menschen die Einschränkung nicht mehr aushalten.

Aus vielerlei Gesprächen tritt mir aber ein zusätzliches, irrationales, aber darum nicht weniger wirksames und damit sehr gefährliches Argument zum Umgang mit Corona-Regeln und -beschränkungen bzw. zu deren Nicht-Befolgung entgegen:

Wenn ich mich selbst an Regeln halte und die meisten anderen nicht, dann habe ich persönlich an zwei Stellen Nachteile und die anderen nur an einer Stelle. Das ist so ungerecht, dass ich auch die Motivation verliere, mich an die Regeln zu halten.

Die Argumentation läuft dabei wie folgt:

Erstens: Ich muss es aushalten, mich einzuschränken und Verzicht zu leisten, und das alles aus einer reinen und meistens nicht im Alltag erlebten Verstandes-Einsicht heraus: Es besteht eine (nicht spürbare) Gefahr, vor der ich mich schützen sollte.

Zweitens: Durch das unvernünftige Verhalten der anderen, die es nicht einsehen sich einzuschränken, habe ich trotz der eigenen Einschränkungen (= 1. Nachteil) ein hohes bzw. zunehmend erhöhtes Ansteckungsrisiko (= 2. Nachteil). Die anderen gehen zwar freiwillig ein erhöhtes Ansteckungsrisiko ein (= nur eine Nachteil), ohne den Preis zu hoher Einschränkungen aushalten zu müssen.

Es ist ungerecht und eventuell unerträglich, dass ich selbst mehr Einschränkung hinnehmen muss, als alle anderen, ohne davon (durch ein geringeres Ansteckungsrisiko) zu profitieren.

Inhaltlich ist diese Einstelllung mindestens fragwürdig oder sogar unsinnig: Natürlich hat man ein geringeres Infektionsrisiko, wenn man sich in den eigenen Kontakten einschränkt und die Hygiene-Regeln einhält, völlig unabhängig vom Verhalten der anderen. Richtig ist allerdings auch, dass das eigene Risiko auch vom Verhalten der anderen abhängig ist: Je mehr Menschen die Hygiene-, Abstands- und Kontaktbeschränkungsregeln einhalten und je sorgfältiger sie dieses tun, desto sicherer ist auch jeder einzelne.

Der Umkehrschluss hingegen ist erkennbar falsch: Nur weil sich zu wenige Leute an die Regeln halten, ist es eben nicht egal, wie man sich selbst verhält! Zwar ist man bei eigenem, sicheren Verhalten und unsicherem Verhalten aller anderen nicht so sicher, wie man sein könnte. Aber man ist trotz falschen Verhaltens der anderen immer noch sicherer, wenn man für sich selbst alle Maßnahmen einhält, als wenn man dies nicht tut!

Dennoch ist die Argumentation psychisch für viele scheinbar schlüssig, auch wenn sie sachlich unsinnig (= das Infektionsgeschehen betreffend) ist. Und damit ist sie ausschlaggebend für das eigene Verhalten vieler!

Die erlebte Ungerechtigkeit ist so groß, dass aller Vernunft zum trotz, man sich lieber selbst in eine erhöhte Gefahr bringt, als auszuhalten, dass alle anderen weniger eingeschränkt leben, als man selbst.

Wenn das alle machen bzw. einfach „nur“ zahlenmäßig um sich greift, dann wird es schwierig sein, das Corona Ansteckungsgeschehen jemals in den Griff zu bekommen.