Angstreduktion durch Pseudo-Kontrolle

Es gibt nach übereinstimmenden Beobachtungen Menschen, wohl eher Männer als Frauen, die durch die Gegend laufen, herum husten und dabei laut Corona rufen.

Es ist offensichtlich, dass dieses Verhalten anderen Menschen Angst machen soll, wenngleich diese Menschen wahrscheinlich behaupten würden, es handele sich um einen Scherz.

Psychologisch betrachtet könnte man dagegen auf die Idee kommen, dass es sich hier um weit mehr als einen Scherz handelt, sondern um die Verarbeitung eines eigenen psychischen Themas. Was läge näher, als anzunehmen, dass es sich hierbei um eigene Angst handelt.

Angst ist ein unangenehmes, schwer auszuhaltendes Gefühl, und jeder ist bestrebt, erlebte Angst zu reduzieren.

Könnte es sich bei diesem Verhalten also um einen Versuch von Angstreduktion handeln?

Ja, sicher, und zwar gemäß eines sehr einfachen und sehr häufig anzutreffenden Mechanismus:

Es handelt sich dabei um eine passiv-aktiv Wendung: Die eigene Angst entsteht aufgrund einer mehr oder weniger diffusen Bedrohung, hier einer möglichen Corona-Infektion, und der Tatsache, dieser Bedrohung hilflos und ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Wenn es mir gelingt, anderen vor dieser Bedrohung Angst zu machen, am besten mehr Angst als ich selbst davor habe, dann werte ich mich zum einen damit auf, weil ich mir vor Augen führen kann, weniger ängstlich zu sein als andere, vor allem aber bin ich nicht mehr ausgeliefert und hilflos, sondern ich kann aktiv etwas tun, ich habe wieder Handlungsspielraum, mit anderen Worten: Kontrolle, hinzugewonnen.

Dieser Spielraum hat zwar nichts mit einer Absicherung gegen eine mögliche Infektion zu tun oder auch nur damit, diese unwahrscheinlicher zu machen, aber er hat den eindeutigen psychischen Vorteil, aus einer Handlungsunfähigkeit herauszukommen und überhaupt irgendetwas tun zu können; ähnlich wie beim übertriebenen Kauf von Toilettenpapier (siehe unten).

Wenn dieser Zugewinn von Handlungsmöglichkeit nicht allein irgendein, mehr oder weniger sinnloses, Tun ist, sondern sogar direkt oder indirekt mit dem angstauslösenden Thema verknüpft ist (jemandem vor derselben Sache Angst machen, Vorräte horten), ist der Effekt der Angstreduktion noch gesteigert.

Offenbar sind wir Menschen so gestrickt, dass dieser innerpsychische Vorteil, zu der der Angstreduktion, so attraktiv ist, dass er Vorrang hat vor Rücksichtnahme und sozialverträglich im Umgang.

Ob man das sympathisch findet oder nicht, mag dahingestellt sein; als Psychologe muss man zunächst einmal versuchen, die sich zeigenden Phänomene zu beschreiben und sie in einen verstellbaren Zusammenhang einzuordnen.

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