Corona als Angriffswaffe

Ich erfahre gehäuft von Situationen, in welchen Menschen verbal oder durch Taten damit drohen, ihr Gegenüber mit Corona zu infizieren.

So berichtet mir zum Beispiel ein Bekannter, der an einer Tankstelle einen anderen Kunden gebeten hat, einen Schritt zur Seite zu gehen, damit er mit dem nötigen Sicherheitsabstand durch die Eingangstüre treten könnte, dass dieser andere Kunde sich wortlos zu ihm umgedreht und ihn mit willentlich hervorgebrachtem Husten angehustet hat.

Hier hat sich ganz offensichtlich jemand geärgert, nämlich darüber, angesprochen und vielleicht auf ein Fehlverhalten im Sinne einer mangelnden Rücksichtnahme aufmerksam gemacht  worden zu sein, und hat diesen Ärger in eine Handlung umgesetzt. Vor wenigen Wochen hätte dieser Mensch vielleicht gesagt: „Lass mich in Ruhe!“ oder „Du Idiot!“, in extremeren Fällen hätte sich vielleicht dem anderen noch mehr in den Weg gestellt oder ihn gar zur Seite geschubst.

Aggressives Verhalten hat hier offenbar ein neues Gesicht gefunden: Egal ob man nun selbst infiziert ist oder nicht, man kann einen anderen in Sorge eventuell auch in Angst versetzen, in dem man ihn an hustet, und dieser sichin der nächsten Zeit davor fürchten muss, ob er nun mit Corona infiziert ist oder nicht. Sollte der Huster darum wissen, dass er infiziert ist, erfüllt dieses Verhalten wahrscheinlich sogar den Tatbestand einer vorsätzlichen Körperverletzung.

Was spielt sich hier nun psychologisch ab?

Ärgernisse und Frustrationen, die zu erlebten Aggressionenund in der Folge zu aggressivem Verhalten führen, hat es im Alltag zu jeder Zeit und an jedem Ort gegeben. Die Art und Weise, wie diese Aggressionen ausgelebt werden, unterscheidet sich selbstverständlich nach Kultur, hier insbesondere danach, welche kulturellen Formen und Vorbilder im Alltag vorgelebt und wahrgenommen werden, nach individueller Persönlichkeit und natürlich auch nach der aktuellen Situation. Man kann nahezu alles auch zu einer individuellen Angriffswaffe ummünzen, hier wird sich die allgemein bestehende Angst vor einer Corona-Infektion zu Nutze gemacht, um einem anderen Menschen Angst einzujagen.

Irgendwie hat dieses Verhalten den Charakter einer Bestrafung und/oder eines Erziehungsversuches: Du sollst lernen, wenn du mir so begegnest (mich belehrst, mich auf ein Fehlverhalten aufmerksam machst bzw. glaubst, mir Befehle erteilen zu können), dann geht es dir hinterher schlecht, weil du Angst haben musst, und du sollst lernen, mir nie wieder so entgegenzutreten!

Aggressionen dieser Art waren und sind im Alltag leider überall anzutreffen, die konkrete Ausgestaltung, hier die Angst vor einer Corona-Infektion zu instrumentalisieren und damit tatsächlich jemanden in Gefahr zu bringen, ist der Situation geschuldet neu, und das Ausmaß der realen Gefahr unberechenbar und damit größer, als wenn jemand einen anderen als Idioten tituliert oder sogar ihn schubsen würde; niemand von uns kann wissen, ob er aktuell gerade ansteckend sein könnte, und noch weniger kann man wissen, ob das Gegenüber einer Risikogruppe angehört und durch eine Infektion tatsächlich in einen lebensbedrohlichen Zustand geraten bzw. sein Leben verlieren könnte.

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