Beziehungen neu erleben

Verschiedene Menschen beschreiben mir, dass sie Beziehung zu Freunden und Bekannten unter dem Eindruck der Einschränkungen durch Corona auf eine neue Art erleben.

Dies verwundert einen zunächst einmal nicht, sind doch viele Umgangsmöglichkeiten stark eingeschränkt oder verändert: man kann nicht mehr abends ausgehen, man darf sich nicht in Gruppen treffen, man darf mit nicht mehr als einer fremden Personen im Freien angetroffen werden etc. etc.

Gerade in einer Zeit, in der der Medien vermittelte Kontakt ungeheuer einfach, allgemein zugänglich und eingeübt alltäglich zum Leben gehört, könnte man annehmen, dass viele Menschen zumindest in den ersten Wochen der oben umrissenen Kontakteinschränkungen keinerlei Probleme damit haben, ihre sozialen Bedürfnisse Medien vermittelt auszuleben und zu befriedigen.

Bereits nach dieser kurzen Zeit der Einschränkungen, die wir durch gesetzliche Regelungen jetzt seit ungefähr zehn Tagen haben, bemerken die Menschen aber, dass sich nicht nur die äußere Form der Kommunikation verändert hat.

Einige Menschen berichten, dass sie zwar jede Möglichkeit besitzen, Medien vermittelt den Kontakt zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis aufrechtzuerhalten und dies auch in den letzten Tagen getan haben, dass sie aber ebenfalls bemerken, darauf von Tag zu Tag weniger Lust zu haben.

Zum einen fehlen, wie zu erwarten, bestimmte Freizeitbeschäftigungen, zum Beispiel gemeinsamer Sport oder gemeinsam auszugehen, was für viele offenkundig schmerzlich ist.

Zum anderen kommt aber etwas in den Blick, was unerwartet war: medienvermittelte Kommunikation, auch dann wenn sie eventuell per Video-Chat realisiert wird, ist sehr auf Sprache angewiesen. Nun wird mehr und mehr bemerkt, dass Sprache, vor allen Dingen dann, wenn sie nicht einfach nur Begleiterscheinung eines anderen Tuns ist, Inhalt braucht.

Inhalt wiederum mindestens ein solcher, der eine gewisse erlebte Bedeutung zum Ausdruck bringen und zum Gegenüber transportiert werden soll, hat offenbar Erlebnisse als Ursache, über die man etwas mitteilen oder über die man sich austauschen möchte.

In der relativen Zurückgezogenheit durch die Corona-Einschränkungen gibt es nun einen Mangel an Alltagserlebnissen, viele von uns haben nicht einmal mehr ihren Berufsalltag und die dort vorkommenden Erlebnisse mit Kollegen, Vorgesetzten oder Abläufen, (fast) alle von uns haben deutlich reduzierte Freizeiterlebnisse, eben weil viele Betätigungen derzeit nicht zur Verfügung stehen. Lebt man zurückgezogen in einem familiären Kreis, so spielen sich hier jetzt sicherlich sehr viel mehr bedeutsame Situationen ab als im sonstigen Alltag, worüber sich dann mit Außenstehenden, also zum Beispiel Freunden, reden ließe und auch ein Bedürfnis danach vorhanden sein dürfte. Lebt man aber alleine, und der Anteil von Singles in unserer Gesellschaft ist sehr hoch, so hat man auch hier keinerlei Erlebnisse, die man mitteilen, verarbeiten oder sich darüber einen Rat einholen möchte.

Es gibt viel zu wenig, über das man mit jemandem reden möchte.

Welchen Sinn sollte es dann haben, Medien vermittelt Kontakt zu einem Freund oder einem Bekannten aufzunehmen?

An diesem Punkt sind offenbar bereits nach dieser extrem kurzen Zeit viele Menschen angekommen.

Dies zeigt zum einen, wie sehr uns unsere Alltagsablenkungen Anlass zur Kommunikation geben, man könnte aber auch sagen, wie sehr uns unsere Alltagsablenkungen davon abhalten, eine andere Form von Kommunikation zu führen.

Was könnte denn die Alternative sein? Was ist mit einer anderen Form von Kommunikation gemeint?

Nun, man könnte auch über andere Dinge sprechen, als über Alltagserlebnisse. Es ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, über aktuelle Alltagserlebnisse mit anderen Menschen zu sprechen, aber wenn dies einen solchen Umfang annimmt, dass man über sich selbst nicht spricht, über seine Gedanken, seine Bedürfnisse, seine Ängste und Gefühle, dann könnte man zumindest den Verdacht haben, dass hier wesentliche Möglichkeiten einer intensiven Begegnung zwischen Menschen zu kurz kommen.

Positiv formuliert: Vielleicht könnte uns die Corona-Krise dabei helfen, eine andere, intensivere, tiefere Formen der Kommunikation und der Begegnung zwischen Menschen wieder zu entdecken. Spüren wie es einem selbst geht, herausfinden, was man denkt und wirklich will, und darüber mit anderen Menschen in Austausch treten. Dies ist nicht immer leicht, macht vielleicht Angst, wird Beziehungen auch auf die Probe stellen; sollte dies aber gelingen, so darf man sehr sicher davon ausgehen, dass Beziehungen durch solcherart Kommunikation und Selbst- und Fremdwahrnehmung intensiver werden und sich dadurch die Bindung an andere Menschen verstärkt.

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