Triage und geschlossene Grenzen: Eine Frage des Mitgefühls?

Geschlossene Grenzen, ein Ausfuhrverbot von Infektions-Schutzkleidung, die Haltung, dass jedes europäische Land selbst schauen muss, wie es intensiv- bzw. beatmungspflichtge Patienten versorgt bekommt (erst in den letzten Tagen gibt es in extrem kleinen Zahlen Aufnahmen aus dem Ausland stammender Intensiv-Patienten in Deutschland): Das alles wird im großen und ganzen richtig gefunden. Jedes Land kämpft für sich mit „dem Feind“ Corona.

Auch das Flüchtlinge nicht ins Land kommen dürfen, zumindest nicht in großen Zahlen, nicht unkontrolliert, nicht jeder, der will, nicht einfach Wirtschaftsflüchtlinge, die doch in der Sicht mancher nur ein finanziell besseres Leben suchen und höchstens von Armut und eventuell Hungersnot bedroht, aber eben nicht politisch verfolgt sind, ist in großen Teilen konsensfähig. Dass bis heute im Mittelmeer Menschen ertrinken, die versuchen in Europa ein besseres Leben zu finden, regt kaum noch jemanden auf.

Aber wenn im Land selbst die Gefahr besteht, dass nicht alle Bedürftigen ausreichend (intensivmedizinisch) versorgt werden können, wir alle lernen das neue Wort „Triage“ und das zugehörige Verb „triagieren“, das meint, dass Ärzte bei zu knappem Versorgungsangebot auswählen müssen, wer versorgt wird und wer unversorgt zum Sterben „verurteilt“ wird, dann entsteht Entsetzen und Unverständnis, warum es in unserem reichen Land nicht genügend Ressourcen gibt.

Wolfgang Niedecken hat es einmal in einer Fernseh-Diskussionsrunde ebenso prägnant wie in der Sache unerfreulich auf den Punkt gebracht: Das Leben eines schwarzen Menschen, der im Mittelmeer ertrinkt ist unseren europäischen Gesellschaften nicht so viel wert, wie das Leben von weißen Europäern, die vor Skandinavien auf einem Kreufahrtschiff in Seenot geraten und mit unglaublichem Aufwand bis hin zu waghalsigen, aufgrund der Wetterlage gefährlichen Hubschraubereinsätzen, evakuiert werden.

Ich frage mich: Worin besteht eigentlich der Unterschied? Sind Menschen, die man weiter weg mit ihrem, auch zum Teil tödlichen Schicksal alleine lässt, weniger in Not, weniger betroffen oder weniger leidend, als ein Mensch in Deutschland?

Ich glaube und hoffe, dass der Unterschied für viele Europäer tatsächlich nicht zu allererst in der unterschiedlichen Hautfarbe besteht.

Wenn der Unterschied darin bestünde, dass es sich um Menschen handeln würde, die man kennt, einen Nachbarn oder entfernten Verwandten, das wäre ja unmittelbar nachvollziehbar, aber das ist ja in den wenigsten Situationen der Fall.

Hier kommt zum einen ein Identifikationsmechanismus zur Wirkung: Je ähnlicher ich mich einem anderen Menschen fühle, je mehr dessen Lebenssituation und Schicksal an eigene Erfahrungen rührt, desto eher werden eigene Erinneringen und Gefühle aktiviert. Das muss noch nicht einmal heißen, dass ich mich diesem anderen Menschen stärker verbunden fühle oder mehr Mitgefühl mit ihm habe. Ich selbst werde intensiver bewegt, weil eigene Persönlichkeitsanteile und Erfahrungen in Resonanz geraten. Hierdurch fühle ich mich der Situation/ dem Geschehen näher, nicht zwangsläufig dem anderen Menschen.

Zum anderen müssen hier wahrnehmungspsychologische Aspekte berücksichtigt werden: Sinnliche Wahrnehmbarkeit hat einen entscheidenden Einfluss darauf, ob eigene Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle angeregt werden: Bilder aus italienischen Krankenhäusern sind bewegend aber reichen dann eventuell nicht aus, um sich verbunden zu fühlen und gar nicht anders zu können, als Hilfe zur Verfügung stellen zu wollen. Dagegen kann der Rettunsgwagen in der eigenen Straße, der mit lautem Martinshorn vorgefahren ist, der Nachbar, mit dem man sich so oft unterhalten hat und der jetzt hilflos auf einer Trage mit Atemmaske auf dem Gesicht aus dem Haus getragen wird, dessen Angehörigen, die weinend und fassungslos herumstehen, verschiedene Sinneskanäle in uns erreichen, die mit vielen eigenen Erlebnissen in Verbindung stehen. Dies fördert die Stärke unserer Erinnerungen und die Wahrnehmung unserer Emotionalität. Das erreicht uns stärker und tiefer.

Mitgefühl in diesem Sinne ist also nur zum Teil ein Fühlen, das auf das Gegenüber bezogen ist, es ist zum anderen Teil eher ein Fühlen seiner selbst, das durch das Schicksal des Gegenübers ausgelöst worden ist.

Das klingt vielleicht sehr unromantisch, und ich möchte auch gar nicht die jeweiligen Anteile in ihrem Ausmaß beziffern; dass dieser Anteil am Mitgefühl aber vorhanden ist, ist psychologisch nicht zu übersehen.

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