Wem steht was zu: dem akut Bedürftigen oder dem, der vorgesorgt hat?

Eine spannende, sicherlich der philosophischen Disziplin der Ethik zugehörende, Grundsatzfrage als Exkurs:

Darf derjenige, der über (lebens-)notwendige Güter verfügt, diese für sich behalten, sie auch für eine mögliche aber noch nicht bestehende eigene Krise aufbewahren, oder darf man ihn dazu zwingen, diese abzugeben (gegen eine Entschädigung selbstverständlich), wenn die Allgemeinheit oder ein aktuell Bedürftiger darauf angewiesen ist?

Aktuell wäre hierbei an Atemmasken, Desinfektionsmittel, Beatmungsgeräte und ähnliches zu denken.

Aber man kann sich das Dilemma auch an kleineren und größeren Alltagsthemen vor Augen führen:

Was ist mit demjenigen, der rechtzeitig genügend Klopapier bevorratet hat unmittelbar als die Krise begann?

Und was mit dem, der schon seit Jahren oder Jahrzehnten Vorräte für mögliche Notfallsituationen angelegt hat und, durchaus mit hohen Kosten verbunden, immer erneuert und seinen Bestand gepflegt hat, sogenannte Prepper?

Oder auch derjenige, der sein Leben lang in eine (vielleicht sogar private, zusätzliche) Altersvorsorge eingezahlt hat, im Unterschied zu demjenigen, der denkt, dass er im Alter sowieso zu wenig haben und deshalb auf Grundversorgung angewiesen sein wird. Dies alles vor dem Hintergrund einer neu aufgeflammten Diskussion um ein voraussetzungsloses Grundeinkommen.

Und jetzt nochmal ‚in schwierig‘ am Beispiel einer denkbaren Corona-Triage:

Was ist, wenn es zwei Patienten gibt, die beatmet werden müssen: Der eine ist Mitte 70, insgesamt relativ gesund und hat sich lebenslang mit Sport, Ernährung und Suchtmittelfreiheit um eine größtmögliche körperliche Geusndheit bemüht, hat aber einen schweren Krankheitsverlauf, der andere ist ca. 30, und hat den schweren Verlauf aufgrund langfristig ungesunder Lebensweise, schlechter Ernährung, v.a. aber starken Rauchens. Ist jetzt der Letztere selbst Schuld und der Erste hat nur Pech? Wenn der Zweite selbst Schuld ist, hat der dann weniger Anrecht auf Hilfe und auf Leben? Ach ja, und dann kommt noch hinzu: Ist der Zweite denn wirklich selbst schuld oder ist Nikotin-Konsum eine Sucht und damit eine Krankheit, also etwas wofür man keine Verantwortung trägt? Muss man mehrere Versuche nachweisen, dass man versucht hat aufzuhören, und dies aufgrund des Suchtcharakters nicht gelungen ist, um zu belegen, dass man nicht einfach Genussraucher ist, sondern abhängig? Hätte man als Genussraucher, also nicht süchtiger Mensch, ja jederzeit aufhören können und ist deshalb dann doch selbst schuld am schlechten Gesundheitszustand und hat deshalb weniger Anrecht auf lebenserhaltende Maßnahmen?

Die Ärzte versuchen gerade das Konstrukt zu operationalisieren, d.h. in konkrete Handlungsleitlinien zu gießen, dass die Erfolgsaussichten der Behandlung an erste Stelle als Kriterium der Zuweisung der lebenserhaltenden Behandlung setzt. Das klingt so schön neutral im Sinne davon, dass es unabhängig von Schuld und Verantwortung des hilfebedürftigen Patienten zu sein scheint. Aber was, wenn dies im konkreten Fall nicht abzuschätzen bzw. nicht zu unterscheiden ist?

Hier gibt es viele Argumente für jeweils beide Seiten. Ungerecht behandelt fühlen sich wahrscheinlich auch beide Seiten.

Hierzu würde mich eine rege Diskussion von Lesern brennend interessieren.

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