Krise und Kontrolle

Eine Krise bedeutet unter anderem immer folgendes:

  • Unsere alltäglichen Versuche, unser Leben im Griff zu behalten, funktionieren aus irgendeinem Grunde nicht mehr; es entsteht das Gefühl von (partiellem) Kontrollverlust. Es kann auch sein, dass die eigene Methode sein Leben zu bewältigen, noch nie so richtig funktioniert hat, und dass es aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen schwieriger wird, diese Tatsache vor sich selbst zu verleugnen.
  • Bekannte, vertraute und damit vor allen Dingen Halt-gebende Abläufe und Verhaltensweisen werden durchbrochen, werden, wie im Falle von Corona, verboten oder müssen aus sonstigem Grunde aufgegeben werden.
  • Der Verlust von Halt und Vertrautem bedeutet immer eine Verunsicherung und damit potentiell Angst.
  • Es ist extrem schwer, eine Angst auszuhalten, der man sich hilflos ausgeliefert fühlt. Nahezu jede Aktion, auch rational betrachtet vergleichsweise unsinnige Verhaltensweisen, helfen, um das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins zu reduzieren und damit eben auch das Gefühl der Angst zu verringern.
  • Selbst vergleichsweise unsinnige oder unvernünftige Verhaltensweisen geben einem ein Stück weit das Gefühl von Kontrolle über das eigene Leben zurück, und helfen so die Angst zu reduzieren, die durch den Kontrollverlust entstanden ist.

Hamsterkäufe wären ein solches Beispiel: Ich kann zwar nichts Sinnvolles tun, um eine Ansteckung mit Corona zu vermeiden, aber wenn ich wenigstens genug Klopapier zu Hause habe, fühle ich mich schon sicherer, und vor allen Dingen: Statt zu Hause zu sitzen und auf die nächste Katastrophenmeldung zu warten, kann ich überhaupt etwas tun, nämlich Klopapier kaufen!

Es ist dabei eine psychoanalytische Binsenweisheit, dass die anale Entwicklungsphase des Kleinkindes nach S. Freud , die Phase also, in der die Kinder mit ihren Ausscheidungen beschäftigt sind, gleichzeitig damit verknüpft ist, psychisch die Entwicklungsaufgabe zu bewältigen, Kontrolle und Selbstbestimmung erlangen zu wollen und sich gegen Fremdbestimmung abgrenzen zu wollen. Kontrolle ist also das zentrale Thema, das ein Leben lang mit analen Themen assoziiert bleibt.

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