Mehr Zeit, weniger Geld: Was tun?

Ist das wirklich ein Problem? Offenkundig schon!

Wenn man daran gewöhnt ist, freie Zeit mit Konsum zu verbringen oder mit geselligem Sport (Verein, Fitness-Studio) dann steht man vor einer Umorientierung, wenn diese Möglichkeiten samt und sonders nicht mehr gegeben sind.

Yoga und Meditation allein zu Hause? Ja, geht, aber nur vorübergehend, ein paar Tage lang. Dann fehlt der Austausch, der Plausch, die menschliche Ablenkung.

Es gibt eine deutlich wahrnehmbare Tendenz, dass auch die sozialen Kontakte entweder mit entfernten Menschen ausgelebt oder ebenfalls, stellvertretend vorgelebt, nur konsumiert werden: Ganze Youtube-Kanäle leben davon, dass Alltag im Vollzug einfach abgefilmt wird, oder dass Themen wie: zuerst Wasser oder zuerst Zahnpasta auf die Zahnbürste, isst man Nuss-Nougat-Creme mit oder ohne Butter drunter, was macht man so alles beim Masturbieren oder welche Technik hat man nach dem Stuhlgang, um seinen Allerwertesten wieder sauber zu kriegen.

Ich will damit gar nicht sagen, dass diese Themen grundsätzlich keine Daseinsberechtigung hätten. Die spannende Frage ist doch: Warum wird dies öffentlich bw. mit weit entfernten Menschen ausgelebt und nicht in Alltagsbeziehungen, Familie, Freundeskreis, Bekannte. Zum einen sind dies sicherlich schambesetzte Themen, von denen man vielleicht nicht möchte, dass ein Gegenüber, dem man im Alltag immer wieder begegnet, diese Dinge über einen weiß und im Hinterkopf hat. Zum anderen könnte hier gerade eine Vermeidung von Nähe eine Ursache sein. Wissen, reden, Auseinandersetzung schafft Bindung und damit in gewisser Weise Abhängigkeiten. Vor diesen scheint man zurückzuweichen. Auf Vermutungen über Hintergründe komme ich weiter unten zurück.

Wenn Paare und Familien daran gewöhnt sind, Auseinandersetzungen oder gar Streit dadurch zu vermeiden oder zu beenden, dass man sich aus dem Weg geht, und sich abreagiert, indem man sich etwas „gönnt“, d.h. sich einen neuen Gegenstand kauft, oder indem man im Fitness-Studio seinen Körper stählt, dann haben diese nun ein Problem. Die eingeübten Strategien sind nicht mehr zugänglich, weil verboten, neue Strategien sind zum einen nicht verfügbar und machen zum anderen, oder gleichzeitig, Angst: Wie kann man einen Streit ausfechten, ohne die Strategie, verbrannte Erde zu hinterlassen, den anderen eine Weile zurückzulassen und dann (beiderseits) wieder aufeinander zu treffen und so zu tun, als sei gar nichts passiert.

Die naheliegende Alternative scheint ungewohnt ohne echte Vorbilder und vor allem bedrohlich zu sein.

Welche Alternative? Sich mit sich selbst wirklich auseinanderzusetzen statt sich immerzu abzulenken. Sich mit den nahestehenden Menschen, mit denen man auch bei Corona zusammen ist, weil man mit ihnen zusammen lebt, dem Partner, den Familienangehörigen, zu beschäftigen, sich für diese wirklich zu interessieren, zu wagen, sich noch einmal neu kennenzulernen, auch mit den schwer verdaulichen Seiten, aber auf jeden Fall umfassender, tiefer und intensiver.

Was in aller Welt ist eigentlich so bedrohlich daran, wirklich zu fühlen, statt sich abzulenken und sich fremd-organisierte Pseudo-Erlebnisse zu verschaffen?

Gefühle sind anstrengend, sind beunruhigend, lassen sich nicht gut steuern. Man kann Gefühle allgemein klein halten, indem man sich ablenkt, indem man gleichsam den Vordergrund der eigenen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit ständig mit (käuflichen) Erlebnissen füllt, so dass eigene Gefühle in den Hintergrund geschoben werden. Hier kann man noch mit der ein oder anderen Chemie (Alkohol, Drogen, zweckentfremdete Psychopharmaka) nachhelfen, was das ganze erleichtert.

Eigene (und auch fremde) Gefühle zuzulassen, ihnen Raum zu geben, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ist anstrengend, nicht wirklich kontrollierbar, manchmal überwätigend oder auch Angst machend, aber auf jeden Fall bereichernd: Man lernt abgespaltene Teile von sich kennen, wird vollständiger, kann eigene Bedürfnisse, und zwar die grundsätzlichen, echten, besser kennenlernen und dadurch überhaupt erst berücksichtigen

Wie? Nun, da gibt es viele Möglichkeiten: Sich Zeit nehmen, sitzen, nichts tun und in sich reinhören, ist dabei die simpelste Herangehensweise. Man kann Gefühle durch geeignete Atemübungen verstärken, man kann sich mit anderen darüber austauschen etc.

Eine neue Wunderwelt könnte sich hier auftun, aber nicht ganz ohne unerwartete Nebenwirkungen und Stolperstellen. Es kann aber sein, dass gerade diese Letzteren wichtiger und entwicklungsträchtiger sind, als die erhofften, „schönen“ Seiten.

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