Solidarität der Generationen

War es im letzten Jahr noch so, dass die junge Generation, vertreten durch die Frydays-for-Future-Bewegung, die Solidarität mit der älteren Generation einforderte, die die Welt von der jüngeren Generation nur geliehen habe, und die verpflichtet sei, die richtigen Entscheidungen zu treffen, weil sie die Generation sei, die über das entsprechende Know-how verfüge und über die Machtapparate bestimme, so hat sich der Appell und das Angewiesen-Sein soeben verkehrt:

Jetzt, im Zeichen der Corona-Krise, fordert die ältere Generation Solidarität ein, in dem die jüngere Generation, die statistisch weniger gravierende Verläufe einer eventuellen Infektion zu erwarten hat, ihre sozialen Kontakte einschränken möge, um die ältere Generation, die mit mehr schweren Erkrankungen und Todesfällen zu kämpfen haben wird, zu schützen.

Es wäre doch schön, wenn wir als Gesellschaft daraus lernen würden, dass es bei einem Miteinander immer darum geht, dass früher oder später beide Seiten bzw. alle beteiligten Akteure aufeinander angewiesen sein werden.

Das Ausspielen der einen Seite gegen die andere mag durchaus kurzfristig Vorteile mit sich bringen; langfristig ist es meist so, dass die eine Seite, die sich kurzfristig Vorteile auf Kosten der anderen Seite verschafft hat, sich selbst damit Nachteile verschafft, manchmal sehr nachhaltige.

Verleugnung durch Zeitsprung

Ich habe heute im Supermarkt, in der Warteschlange an der Kasse, zwei Menschen miteinander darüber sprechen hören, der Abstand sicherlich geringer als ein halber Meter, dass sie sich Sorgen darüber machten, wie denn wohl das Leben nach überstandener Corona-Krise sei, in was für einer Gesellschaft man dann wohl leben werde.

Auch dies ist ein wunderbares Beispiel für Verleugnung:


Die Angst vor Ansteckung, Erkrankung und möglichem Tod wird von diesen erschreckenden Inhalten abgespalten (Affektisolierung) und auf die Zeit nachher verschoben (Verschiebung). Der psychische Mehrwert besteht darin, dass das, wovor man unmittelbar Angst haben könnte, zum einen viel weiter in die Zukunft verschoben wird, und dass gleichzeitig der Inhalt der Angst dadurch reduziert wird, dass es nicht mehr um Angst vor Krankheit und Tod geht, sondern „nur“ noch darum, dass man sich in ein neues gesellschaftliches Miteinander wird einfügen müssen, dass man noch nicht kennt, und was insgesamt Mühe machen wird.

Vernunft versus contraphobische Verleugnung

Eine Beobachtung:

Montag, der 16.3.2020: Es treten starke und umfangreiche Verbote und Einschränkungen durch die Corona-Krise in Kraft, mit dem Ziel die Ausbreitung der Corona-Infektionen zu verlangsamen, indem alle Menschen sozial auf Abstand gehen sollen, zu diesem Zweck also auch Ansammlungen von Menschen möglichst vermieden werden.

Am selben Tag, der außerdem wettermäßig ein erster Frühlingstag ist, kann man am Rhein in Köln viele Gruppen von vielleicht 15-30 Menschen beobachten, die sich dort zusammenfinden, um zu grillen, Bier zu trinken und Spaß zu haben.

Dieses Verhalten ist sicherlich was die Ausbreitung von Corona angeht kontraproduktiv und steht damit selbstverständlich im Widerspruch zu den von Politikern erlassenen Anweisungen.

Psychologisch darf und muss man sich aber die folgenden Fragen stellen: Handelt es sich dabei einfach um Gedankenlosigkeit? Glauben die Menschen, dass all die neuen Verbote übertrieben sind? Sind diese Menschen nur am eigenen, unmittelbaren Spaß und Wohlbefinden interessiert, ohne die weiteren Risiken ihres Verhaltens abzuwägen?

Oder kann hinter diesem scheinbar gelassenen und gleichzeitig unvernünftigen Verhalten auch ein tieferer Sinn stecken?

Ich glaube schon! Psychologisch betrachtet würde ich davon ausgehen, dass dieses Verhalten nicht nur einfach der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dient (soziale Kontakte und Bier), sondern dass es möglicherweise viel mehr eine Maßnahme des Psychischen ist, mit einer schwer greifbaren Bedrohung zurechtzukommen, der gegenüber man sich hilflos ausgeliefert fühlt:

Indem ich das Gegenteil von dem tue, was die Virologen empfehlen und die staatlichen Stellen vorschreiben, beweise ich mir sozusagen, dass die Gefahr gar nicht so groß ist. Dies folgt folgendem Motto: Wenn ich mich doch gegen alle Ratschläge traue, mich mit anderen Menschen zu treffen, dann kann die Gefahr ja gar nicht so groß sein, weil, wenn die Gefahr wirklich ernstzunehmend wäre, ich mich das ja niemals trauen würde!

Dies ist weder ein vernünftiger Gedanke, noch wird dieser Gedanke von irgend einem der Menschen, die sich so verhalten, bewusst jemals so gedacht; dennoch ist gerade dieses Vorgehen eine typische, meistens nur halb bewusste oder vollständig unbewusste psychische Abwehrreaktionen im Umgang mit Angst.

Man nennt dies contra-phobisches Verhalten, also ein Verhalten, das so tut, als gäbe es eine bestimmte Gefahr gar nicht, um sich selbst vor Augen zu führen, dass diese Gefahr gar nicht existiert, und man also auch keine Angst vor ihr haben muss.

Dies geht einher mit einem anderen typischen, psychischen Abwehrmechanismus, nämlich dem der Verleugnung: Ein sogenannter unverträglicher Inhalt wird weggemacht indem man so handelt, als gäbe es ihn gar nicht.

Unverträgliche Inhalte sind solche, die das Seelenleben nur schwer oder eben gar nicht ertragen und aushalten kann; die am schwersten auszuhalten Inhalte sind solche, die starke Angst oder Scham auslösen. Verleugnete Inhalte oder verleugnete Gefühle sind dem Bewusstsein zwar grundsätzlich zugänglich, anders zum Beispiel als bei dem sehr viel bekannteren Vorgang der Verdrängung, aber solange ein Mensch einen Inhalt oder ein Gefühl verleugnet bekommt, anders gesagt: solange er dies aktiv tut, ist der Inhalt oder das Gefühl ebenso vollständig verschwunden und zugänglich wie bei der Verdrängung.

Kurz gesagt: Die Angst ist weg! Das ist ein sehr nennenswerter psychischer Gewinn. Dass ich dadurch gleichzeitig Risiken eingehe, eventuell die Gefahr dadurch sogar steigere und mir vernünftigerweise eher mehr als weniger Sorgen machen sollte, fühle ich dann aber nicht, wodurch es mir psychisch unmittelbar erst einmal besser geht.

Dies tun wir nicht nur bei großen Krisen wie jetzt im Falle von Corona, dies tun wir im Alltag sehr häufig: Wenn zum Beispiel Menschen an einem Abend zu viel Alkohol trinken, denn ist ihnen nicht bewusst, dass sie dafür am nächsten Tag einen Preis in Form eines Katers zahlen. Sie wissen aus Erfahrung, dass dies so sein wird, sie denken aber nicht daran, weil es das unmittelbare Vergnügen am Vorabend einschränken würde. Macht man sie darauf aufmerksam, so spielen sie die zu erwartende Konsequenz des nächsten Morgens herunter. Hauptsache jetzt kann ich die Situation genießen.

Um es mit dem wunderschönen Satz eines Märchens zu sagen: „Ja, so sind die Menschen!“ (Kommentar des Erzählers in dem Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“, als der Bäcker, um sich selbst zu schützen und nicht aufgefressen zu werden, zur Täuschung dem Wolf die Pfote mit Mehl bestäubt.)

Krise und Kontrolle

Eine Krise bedeutet unter anderem immer folgendes:

  • Unsere alltäglichen Versuche, unser Leben im Griff zu behalten, funktionieren aus irgendeinem Grunde nicht mehr; es entsteht das Gefühl von (partiellem) Kontrollverlust. Es kann auch sein, dass die eigene Methode sein Leben zu bewältigen, noch nie so richtig funktioniert hat, und dass es aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen schwieriger wird, diese Tatsache vor sich selbst zu verleugnen.
  • Bekannte, vertraute und damit vor allen Dingen Halt-gebende Abläufe und Verhaltensweisen werden durchbrochen, werden, wie im Falle von Corona, verboten oder müssen aus sonstigem Grunde aufgegeben werden.
  • Der Verlust von Halt und Vertrautem bedeutet immer eine Verunsicherung und damit potentiell Angst.
  • Es ist extrem schwer, eine Angst auszuhalten, der man sich hilflos ausgeliefert fühlt. Nahezu jede Aktion, auch rational betrachtet vergleichsweise unsinnige Verhaltensweisen, helfen, um das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins zu reduzieren und damit eben auch das Gefühl der Angst zu verringern.
  • Selbst vergleichsweise unsinnige oder unvernünftige Verhaltensweisen geben einem ein Stück weit das Gefühl von Kontrolle über das eigene Leben zurück, und helfen so die Angst zu reduzieren, die durch den Kontrollverlust entstanden ist.

Hamsterkäufe wären ein solches Beispiel: Ich kann zwar nichts Sinnvolles tun, um eine Ansteckung mit Corona zu vermeiden, aber wenn ich wenigstens genug Klopapier zu Hause habe, fühle ich mich schon sicherer, und vor allen Dingen: Statt zu Hause zu sitzen und auf die nächste Katastrophenmeldung zu warten, kann ich überhaupt etwas tun, nämlich Klopapier kaufen!

Es ist dabei eine psychoanalytische Binsenweisheit, dass die anale Entwicklungsphase des Kleinkindes nach S. Freud , die Phase also, in der die Kinder mit ihren Ausscheidungen beschäftigt sind, gleichzeitig damit verknüpft ist, psychisch die Entwicklungsaufgabe zu bewältigen, Kontrolle und Selbstbestimmung erlangen zu wollen und sich gegen Fremdbestimmung abgrenzen zu wollen. Kontrolle ist also das zentrale Thema, das ein Leben lang mit analen Themen assoziiert bleibt.